SZÉCSI NOÉMI – UNGARISCHE GEWINNERIN DES LITERATURPREISES DER EUROPÄISCHEN UNION 2009
1976 im südungarischen Szentes geboren, graduierte Noémi Szécsi in Englisch und Finnisch in Budapest und studierte Kulturanthropologie in Helsinki, wo sie ihren ersten Roman, „Der finnougrischen Vampir”, schrieb. Die Buchausgabe ihres Schwangerschaftblogs wurde mit dem Leserinnenpreis das Magazins Elle ausgezeichnet. Ihr zweiter Roman „Der kommunistische Monte Cristo” erhielt den Europaischen Literaturpreis 2009. Ihr jüngster Roman „Der letzte Kentaur” handelt von vier jungen Studenten – Fahrradboten bei Tag und Anarchisten bei Nacht – Rebellen ohne Grund. Sie lebt mit ihrem Mann und ihrer kleinen Tochter in Budapest
Ziel des Literaturpreises der Europäischen Union is es, „die Verbreitung literarischer Werke innerhalb Europas zu fördern und ein größeres Interesse für Literatur außerhalb des jeweiligen Herkunftslandes zu wecken”. Der Preis wird zwischen 2009 und 2011 järlich elf bis zwölf Schriftstellern verliehen. Bis 2011 wird jedes der EU-Länder einen Gewinner in diesem EU-Kulturprogramm gestellt haben.
DER KOMMUNISTISCHE MONTE CRISTO
Offensichtlich angelecht an Dumas romantische Abenteuergesichte Der Graf von Monte Cristo (1846) verbindet Szécsis Roman eine historische Erzählung mit Einer Familiensaga, um die Gesichte der kommunistischen Idee in Ungarn auszudeuten. Den Hauptstrang der Novelle bildet die Lebensgesichte von Sanyi dem Metzger, eines unenelichen Kindes, dessen Familienname nie preisgegeben wird. Fasziniert von den Taten der Kommunisten wärend der kurzlebigen Ungarischen Kommune von 1919, wird Sanyi im gleichen Jahr ein hingebungsvoller Kommunist nur um dann Diener und opfer aller politischen Regimes in Folge zu werden. (Der k.u. k Monarchie, der Kommune, der Horthy-Ära, der Herrschaft der faschistischen Pfeilkreuzler, der Stalinismus von Mátyás Rákosi und des Kádár-Regimes.) Er erfährt Zurückweisung von allen Seiten und bezieht ständig Prügel. Nachdem die Polizei ihm eine brutale (sodomistiche) Lektion erteilt hat, unterzieht er sich einer Behandlung, die ihn auf Lebenszeit zum Vegetarier macht. Ewig furchtsam, wird er in der Tat andauernd bedroht, am wenigsten jedoch wegen seiner Essgewohnheiten, die sich in seinem gewählten Beruf so seltsam ausnehnem. Seine Gesichte ist einzgartig, dennoch ist er der Inbegriff des kleinen Mannes von Straße, dessen Leben von der Politik gelenkt wird und mit ihr verflochten ist. Obwohl dieses Ausmaß der Tragik auch seine dunklen und komischen Momente hat, ist der Endeffekt eine allgemeine tragische Qualität ohne Pathos. Sanyi ist umgeben von einer Vielzahl historischer Figuren (einem unersättlichen Béla Kun, Szamuely in einem Blutbad und dem eifrigen Schachspieler János Csermanek, später bekannt als János Kádár), die der Roman deutlich vereinfacht präsentiert, alls alltägliche Gestalten in Sanyis Augen. Péter Esterházy schrieb einmal: „Es ist verflixt schwer zu lügen, wenn man die Wahrheit nicht kennt”. Die historischen Personen in Szécsis Buch sind auch in der ironischen Doppelperspektive von Fiktion und Realität gezeichnet. Szécsis intensive Recherche fließt ein in das Buch durch literarische Zitate auf verschiedenen Ebenen ein, wie die Epigraphen, der Index und die Chronologie am Ende des Buches. Historiche Dokumente, Memoiren, literarische Werke, Klatsch, Witze, Gerüchte, Legenden und Anekdoten aus dieser Periode und die Gesichte ihres Einflusses, alles verwandelt sich in literarische Ereignisse, die den künstlerischen Glanz der Erzählung beträchtlich erhöhen. Der satirisch-historische Roman – um die Sprache des zeitgenössischen Journalismus und der Demagogie zu verwenden – stellt die Original-Monte-Cristo-Story auf den Kopf, denn es geht nicht um Rache, sondern um die Stupidität der Politik zu allen Zeiten. Die Haupthandlung stellt Budapest in der Vordergrund, aber mit Wien in einer größeren Nebenrolle: Es symbolisiert eine Passage zum Meer der Möglichkeiten, einen Ausgang aus einer grotesken Hölle auf Erden, wo das jeweilige ungarische Exil immer Schutz findet. Die Stellung des Erzählers bestimmt stark die Form und die Tongebung des „Kommunistishen Monte Cristos”, denn der Plot wird als die Gesichte meines „Urgroßvaters” präsentiert. Indem Szécsi gleichzeitig den zeitgenössischen Hintergrund und die reflektierende Position des Erzählers zeitlich voneinander abgehoben heraufbeschwört, gelingt es ihr archaische Nettigkeiten der Fantasie – ein häufiger Fallstrick in historischen Romanen – zu vermeiden.
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